Wir müssen den Zwangsapparat der Krankenkassen ganz abschaffen.
Wir müssen den Zwangsapparat der Krankenkassen ganz abschaffen.
Interview mit Mine Pleasure Bouvar
Als Trans* Aktivistin, Bildungsreferentin und DJ unterläuft Mine das Cistem. Mine hat Szenische Kunst studiert, ist Teil von female:pressure, dem Bundesverband Trans* und hält Vorträge und Workshops zu Antidiskriminierung und Machtkritik. Das Gespräch wurde mit Julia und Kim vom New Health Movement geführt.
»Deshalb wünsche ich mir für Trans Communities, dass sie zum Beispiel sagen: Um die Trans Gesundheitsversorgung zu stärken, müssen wir die Krankenhaus Bewegung unterstützen, müssen wir die Streiks der in der Pflege und der im Gesundheitssystem Beschäftigten unterstützen, wir müssen uns größeren Bewegungen anschließen.«Mine
Was fehlt der Community an medizinischer Versorgung?
Für meine Community, also für Trans* Communities, wünsche ich mir, dass diese nicht nur selbstbezogen bleiben, sondern sich in die Lage versetzen, größere Zusammenhänge zu sehen. Ich wünsche mir, dass nicht ausschließlich eine bessere Trans* Gesundheitsversorgung gefordert wird, denn diese ist ja in die größere Gesundheitsversorgung eingebettet. Wenn die Trans* Gesundheitsversorgung nicht funktioniert, lässt sich davon auf Probleme und Herausforderungen generell im Gesundheitssystem schließen. Deshalb wünsche ich mir für Trans* Communities, dass sie zum Beispiel sagen: Um die Trans* Gesundheitsversorgung zu stärken, müssen wir die Krankenhaus Bewegung unterstützen, müssen wir die Streiks der in der Pflege und der im Gesundheitssystem Beschäftigten unterstützen, wir müssen uns größeren Bewegungen anschließen. Weil diese Single-Issue-Logik, wie sie in liberalen Ansätzen zur Gesundheitspolitik häufig verfolgt wird, da nicht zielführend ist. Stichwort Sensibilisierung für Ansprache von Trans* Personen, Umgang mit diversen Körperlichkeiten und Selbstverortungen: Wie viel Reserven habe ich dafür, wenn mein Krankenhaus unterfinanziert ist, ich überarbeitet bin, ich müde bin und ich sowieso schon die ganze Zeit an der Grenze des Burnout arbeite?
»Eines der großen Probleme, dem ich immer wieder begegne, ist einfach, dass Trans* Gesundheit als ein eigenes Feld der gesundheitlichen Versorgung betrachtet und dargestellt wird, was es formal nicht ist. Es gibt nicht auf der einen Seite einen Gesundheitssektor und auf der anderen Seite einen Trans* Gesundheitssektor, sondern die Versorgung transgeschlechtlicher Menschen und von Menschen, die nicht transgeschlechtlich sind, findet in genau demselben Gesundheitssektor statt.«Mine
Eines der großen Probleme, dem ich immer wieder begegne, ist einfach, dass Trans* Gesundheit als ein eigenes Feld der gesundheitlichen Versorgung betrachtet und dargestellt wird, was es formal nicht ist. Es gibt nicht auf der einen Seite einen Gesundheitssektor und auf der anderen Seite einen Trans* Gesundheitssektor, sondern die Versorgung transgeschlechtlicher Menschen und von Menschen, die nicht transgeschlechtlich sind, findet in genau demselben Gesundheitssektor statt. Die Folge davon ist, dass wenn es um die Versorgung von Trans’ Personen geht, ganz viele Behandler*innen sagen: Damit kenne ich mich nicht aus, das mache ich nicht.
»In vielen Fällen sind Trans* Personen ohne eigentlichen Behandlungsbedarf in Behandlung und sitzen nur ihre Zeit ab. Aber das heisst ja nicht, dass Trans* Personen nicht auch andere Bedarfe an Psychotherapie haben.«Mine
Viele Trans* Personen, die bestimmte Leistungen haben wollen, sind auf Psychotherapie oder psychiatrische Begleitung angewiesen. Man kann es auch Zwang nennen, denn es geht nicht um den eigentlichen psychologischen Behandlungsbedarf, sondern diese Begleitung ist eine Voraussetzung, um bestimmte Maßnahmen zu erhalten. Orientiert an der Begutachtungsanleitung der gesetzlichen Krankenversicherung geht es darum, zuerst psychotherapeutische Mittel zu finden, um möglichst keine somatischen medizinischen Mittel beantragen zu müssen. Es geht darum, Trans* Personen den Leidensdruck weg zu therapieren, was schlicht und ergreifend nicht möglich ist. Bei der Suche nach Behandelnden – und dieses Beispiel ist stellvertretend für das, was ich meine – passiert es häufig, dass diese sagen: Nein, damit kennen wir uns nicht aus, das machen wir gar nicht. Dabei ist Trans* Therapie nichts anderes als Therapie. Wenn eine Person keinen Behandlungsbedarf hat, sieht eine Psychotherapie oder psychiatrische Behandlung natürlich anders aus. In vielen Fällen sind Trans* Personen ohne eigentlichen Behandlungsbedarf in Behandlung und sitzen nur ihre Zeit ab. Aber das heisst ja nicht, dass Trans* Personen nicht auch andere Bedarfe an Psychotherapie haben. Stichwort Minderheitenstress, traumatische Erfahrungen und so weiter. Es kann ja alles Mögliche in der Therapie zum Thema werden. Doch die Personen finden gar keinen Zugang dazu, weil die Behandelnden glauben: Es geht ja um Trans* Themen und das ist etwas anderes als ich sonst in Therapien behandle. Auf der einen Seite verwehrt das Zugänge zu spezifischen Leistungen, die Trans* Personen brauchen, wie somatische Behandlungen, Operationen, Hormontherapie etc. Doch auf der anderen Seite denken Behandelnde auch bei einer einfachen Regelversorgung für eine Trans* Person, dass sie dazu nicht in der Lage sind.
Das ist in meinen Augen Teil des größeren Problems: Die Herausforderung die Trans* Versorgung als Teil der Regelversorgung verständlich zu machen und sich gleichzeitig dafür einzusetzen, dass die gesamte Versorgung besser wird, um auch die Trans* Versorgung zu verbessern.
Was müsste sich im Bereich Zugänge und Ausbildung zu Gesundheitsberufen ändern?
Das ist einerseits natürlich eine Frage der Ausbildung. Andererseits liegt es auch an materiellen Voraussetzungen, wie explizit die Begutachtungsrichtlinie des medizinischen Dienstes und die Krankenkassen, die das ganze noch einmal verstärken.
Aktuell haben wir die Situation, dass es zwar spezialisierte Behandler*innen gibt, die sich um Trans* Anliegen kümmern, doch das sind vergleichsweise wenige und diese wenigen sind sehr überlaufen. Wir sprechen hier nicht von einer Warteliste von einem halben Jahr, sondern von zwölf Monaten und mehr.
Im Vereinigten Königreich gibt es eigens spezialisierte Genderkliniken. Auch in Deutschland gibt es ein paar Stellen, die versuchen, so etwas umzusetzen. Zum Beispiel das UKE in Hamburg mit der Spezialambulanz für Sexuelle Gesundheit und Transgender-Versorgung. Doch ich würde eher davor warnen zu sagen, dass nur diese Anlaufstellen genutzt werden sollen. Das sorgt dafür, dass sich ein Monopol bildet und die Angebote sich eher verknappen und konzentrieren als breit gestreut zu sein. Das halte ich für unklug.
»Die Pathologisierung von Trans* Geschlechtlichkeit passiert in der Regel seltener, wenn mein:e Behandler:in selbst trans* ist und weiß, dass das keine Krankheit ist.«Mine
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Trans* Personen oft in der Lage sind, Vorurteilen aus dem Weg zu gehen. Die Pathologisierung von Trans* Geschlechtlichkeit passiert in der Regel seltener, wenn mein:e Behandler:in selbst trans* ist und weiß, dass das keine Krankheit ist.
Durch die Pathologisierung von Trans* Geschlechtlichkeit entstehen einfach Hürden. Das setzt sich auch bei der Regelversorgung fort, beim ganz normalen Arztbesuch, wenn ich nach dem Inhalt meiner Hose gefragt werde, obwohl es um eine Grippe geht. Deshalb macht es natürlich Sinn, mehr Trans* Behandelnde im Feld zu haben, das kann nur helfen. Eine Form ist ja auch zum Beispiel, das eigene Kollegium durch das Vorhandensein von trans* geschlechtlichen Kolleg:innen zu sensibilisieren, sodass diese feststellen: Ja, Trans* Menschen sind ganz normale Menschen.”
Ich denke aber, dass eine Art Quotierung nicht der alleinige Weg ist. Zu sagen: Wenn wir jetzt mehr Trans* Behandelnde haben, dann wird alles schöner, ist letztlich wie ein buntes Pflaster. Es wird nicht schöner, wenn das Gesundheitssystem selbst unterfinanziert bleibt, wenn die Ausbildungen selbst in den Themen, die endlich in Angriff genommen werden, oberflächlich bleiben oder gesellschaftliche oder sozialkonstruktivistische Ansätze zu bestimmten Gesundheitsphänomenen nicht behandeln. Viele spezifische Gesundheitsphänomene von Minderheiten sind gesellschaftlich gemacht. Doch das kommt natürlich in der Forschung, in der Ausbildung und in den Curricula viel zu kurz.
Welche Sensibilisierung müssten die Personen, die jetzt im Gesundheitswesen arbeiten, mitbringen?
»Es braucht eine bessere Finanzierung und bessere Arbeitsbedingungen. Denn wenn wir sagen: Sensibilisiert euch mal!, sagen die Leute: Ich weiss nicht, wann ich das tun soll.«Mine
Es braucht eine bessere Finanzierung und bessere Arbeitsbedingungen. Denn wenn wir sagen: Sensibilisiert euch mal!, sagen die Leute: Ich weiss nicht, wann ich das tun soll. Für Personen, die bereits im Gesundheitssystem arbeiten, braucht es Sensibilisierungsmaßnahmen. Das passiert ja in Teilen bereits. Doch ich glaube, es ist dabei sehr wichtig, die Regelversorgung nicht aus dem Blick zu verlieren. Wie gesagt, bei so vielem geht es ausschließlich um Trans* Gesundheit. In der Praxis melden sich dann diejenigen, die wegen ihres Berufs sowieso am ehesten mit Trans* Personen zu tun haben. Das sind dann meistens psychotherapeutisch oder psychiatrisch Praktizierende und vielleicht noch andere Fachärzt:innen wie zum Beispiel Endokrinolog:innen. Doch selbst da wird es schon wieder dünn. Weil die sagen dann: “Wir behandeln ja nur den somatischen Teil, wir kümmern uns ja nicht um die persönlichen Anliegen dieser Personen“. Das sorgt dann für mangelndes Wissen und entsprechende Diskriminierungserfahrungen.
Gerade die deutsche Endokrinologie befindet sich gerade in einem interessanten Aufbruchsmoment. Gleichzeitig schlummert da noch ganz viel, wo einfach nach Schema F in veralteten Mustern behandelt wird. Doch auch hier sprechen wir noch immer von sehr spezialisierten Behandlungen. Es braucht ein generelles Bewusstsein, als hausärztliche Fachkraft, als Orthopäd:in, als Gastroenterolog:in etc. Ich kenne viele queere Menschen, die mit Gastroenterolog:innen und Proktolog:innen negative Erfahrungen gemacht haben. Behandler*innen in diesem Feld bräuchten also dringend Sensibilisierung. Aber wenn du was zu Trans* Gesundheit machst, rennen einem die Gastroenterolog:innen nicht die Türen ein, weil sie sagen, wir haben ja nichts mit trans*Gesundheit am Hut.
Welche Änderungen wären auf gesetzlicher Ebene nötig?
»Eine Kernforderung, die ich in breiteren Trans* Bewegungen vermisse, ist - kurz ausgedrückt - die Abschaffung des Asylbewerberleistungsgesetzes.«Mine
Wichtig ist, dass wir einer Privatisierung des Gesundheitssystems einfach rechtzeitig und entschieden begegnen. Weil ich glaube, ausschließlich die Sensibilisierung derjenigen, die bereits im System sind, macht die Situation nicht besser. Eine Kernforderung, die ich in breiteren Trans* Bewegungen vermisse, ist - kurz ausgedrückt - die Abschaffung des Asylbewerberleistungsgesetzes. Weil das sorgt dafür, dass gerade jene Trans* Personen, die einen der größten Bedarfe haben, vor verschlossenen Türen stehen. Wenn eine Person zum Beispiel durch Flucht eine Unterbrechung einer bereits stattfindenden Behandlung erfährt und in Deutschland ankommt, heißt es erstmal: Deine Sonderbedarfe sind jetzt erstmal für achtzehn Monate nicht gedeckt. Danach können wir vielleicht darüber reden, ob du eine Hormontherapie, die du eigentlich schon seit zwei, drei Jahren durchführst, fortsetzen kannst.
Wichtig wäre eine schnelle und zügige Umsetzung der ICD-11 bei gleichzeitiger Sicherstellung, dass mit der darin vorgesehenen Entpathologisierung von Trans* Geschlechtlichkeit nicht der Anspruch auf Versorgung erlischt.
Was müssten andere gesellschaftliche Gruppen leisten?
Ich wünsche mir einfach eine grössere Offenheit für die Verbindung von Kämpfen. Die muss auf der einen Seite von den Trans* Gruppen selbst geleistet werden, also der Wille und die Fähigkeit zum Schulterschluss. Auf der anderen Seite eben auch von möglichen Verbündeten.
Es kann zum Beispiel helfen, dieses Bewusstsein und diese Bündnisfähigkeit herzustellen, indem andere Bewegungen explizit ausformulieren, dass es ihnen auch um Trans* Gesundheit geht. Zum Beispiel kann der Krankenhausstreik sagen: Zu der Schwierigkeit, unsere Arbeit durchzuführen, kommt hinzu, dass wir bestimmte marginalisierte Perspektiven noch schlechter versorgen können, zum Beispiel Trans* Menschen. Das heißt, wir streiken für eine gute Gesundheitsversorgung auch für marginalisierte Personen, deren Zugang sowieso erschwert ist und ermöglichen damit vielleicht einen Schulterschluss. Um zu zeigen, dass der Kampf um die Teilhabe von Trans* Personen eben ein Teil aktueller Arbeitskämpfe und Kämpfe für die Gesundheitsversorgung ist.
Trans* Feindlichkeit auf dem Schirm zu haben bedeutet nicht automatisch Trans* Misogynie auf dem Schirm zu haben. Dafür, dass es innerhalb von Trans* Perspektiven auch noch mal eine Hierarchisierung gibt, fehlt häufig das Bewusstsein. Ganz zu schweigen von einem Bewusstsein für die Perspektiven von als nicht weiß rassifizierten Trans* Personen.
»Was es im Gesundheitssystem wirklich auch braucht und was teilweise ja schon existiert, ist eine Würdigung der unfassbaren Arbeit, die selbstorganisierte Beratungsstellen mit ihrer krassen Expertise leisten.«Mine
Was es im Gesundheitssystem wirklich auch braucht und was teilweise ja schon existiert, ist eine Würdigung der unfassbaren Arbeit, die selbstorganisierte Beratungsstellen mit ihrer krassen Expertise leisten. Zum Beispiel das Casa Kuà als selbst organisiertes Gesundheitszentrum, wo Trans*Personen sich gegenseitig beraten, fortbilden und über die verschiedenen Möglichkeiten der Hormonersatztherapie aufklären. Es gibt ja wahrscheinlich in jeder größeren Stadt mindestens ein queeres Zentrum mit einer Beratung.
Das ist auch naheliegend. Denn bei der Hormonersatztherapie gibt es Fragen, die ich Personen mit einer ähnlichen oder geteilten Erfahrung viel eher stellen kann als den ärztlichen Fachkräften. Beispiel: trans*weibliche Sexualität. Da kenne ich Momente, auch aus der eigenen Berufserfahrung, in denen einer Person erst in der Beratung auffällt, welche Fragen sie an die hormonelle Dosierung oder generell ihre Versorgung haben, im Zusammenhang mit ihrer Sexualität. Diese Fragen hätte sie ihrer ärztlichen Begleitung nie gestellt, weil trans*weibliche Sexualität extrem stigmatisiert und/oder vergessen wird, dass sie überhaupt existiert.
Es ist außerdem wichtig, Antragsverfahren zu vereinfachen, zu entpathologisieren und damit finanziell zugänglicher zu machen. Wie nicht oft genug gesagt werden kann: Trans* Gesundheit darf nicht als dieser andere Gesundheitssektor begriffen werden. Sondern es muss dafür gesorgt werden, dass Antragsverfahren und ihre Erfolgsraten verbessert werden.
Derzeit ist es häufig so, dass jeder Antrag auf eine medizinische Leistungen für Trans* Personen – das sind meistens Anträge auf Operation – im ersten Anlauf abgelehnt wird, um Transpersonen zu frustrieren und damit sie es gar nicht erst versuchen. Denn die Sachbearbeiter:innen und Begutachtende der Medizinischen Dienste müssen wissen, wie anstrengend diese Erfahrung ist. Das sorgt dafür, dass viele Personen auf eine Selbstfinanzierung zurückgeworfen werden, wenn sie überhaupt Anspruch auf Krankenversicherung haben.
Die Forderung ist, Antragsverfahren zugänglich und übersichtlich zu machen oder die Antragsverfahren und den Zwangsapparat der Krankenkassen ganz abzuschaffen.
»Die Forderung ist, Antragsverfahren zugänglich und übersichtlich zu machen oder die Antragsverfahren und den Zwangsapparat der Krankenkassen ganz abzuschaffen.«Mine