Es geht darum, für Gesundheitsversorgung für alle zu kämpfen.
Es geht darum, für Gesundheitsversorgung für alle zu kämpfen.
Interview mit Women in Exile
Women in Exile (WiE) ist eine der Initiativen, die längst Forderungen an das Gesundheitssystem erarbeitet und veröffentlicht haben und von den diskriminierenden Erfahrungen berichten, die geflüchtete Frauen in Deutschland machen. WiE haben vor einer Weile das Gesundheitsmagazin: Gesundheitsversorgung für alle, ohne Diskriminierung! veröffentlicht. Zum zwanzigjährigen Jubiläum von Women in Exile erschien vor Kurzem das Buch Breaking Borders to Build Bridges – 20 Years of Women in Exile. An einem Wintermorgen trafen Nam und Inga vom Projekt die Neue Gesundheitsbewegung Mado und Jana in den Räumen von Women in Exile in Neukölln.
»Wir gehen in Lager und reden dort mit Frauen... Viele haben Probleme mit der Gesundheit und die Frauen bekommen keine gute Behandlung wegen Diskriminierung. Ich habe im Lager gelebt und ich habe viel gesehen. Meine Erfahrung, die ich gemacht habe, wollte ich mit anderen Frauen teilen.«Mado
Ich bin Mado von Women in Exile.
Women in Exile ist eine Organisation nur für Frauen, für geflüchtete Frauen. Eine Organisation gegen Rassismus, gegen Diskriminierung und gegen Gewalt. Seit 20 Jahren kämpfen wir für unsere Rechte und gegen Rassismus und wir machen auch viel mit Gesundheit, weil viele geflüchtete Frauen viele Probleme in dieser Richtung haben, mit Gesundheit und Diskriminierung und Rassismus.
Letzten August haben wir unser 20- Jähriges Jubiläum gefeiert, und wir haben im Juni ein Buch herausgegeben mit Geschichten von geflüchteten Frauen. Wir haben im August eine große Konferenz organisiert, wir haben Frauen aus anderen Ländern eingeladen: aus Mittel- und Nordamerika, Afrika und Asien. Wir hatten große Probleme mit der Beschaffung der Visa, aus Mexico, USA, Guatemala, Senegal, Kenia, Dominikanische Republik, die Personen aus Bangladesh und Kamerun haben kein Visum bekommen.
Das Thema der Konferenz war das Jubiläum von 20 Jahren Women in Exile. Es ging bei der Konferenz darum, feministische Kämpfe auf der Welt zu verbinden und sichtbar zu machen, sich auszutauschen, sich zu empowern, aber auch Spaß zu haben miteinander. Wir hatten verschiedene Themen, ein Thema waren zum Beispiel Fluchtursachen, geschlechterspezifische Gewalt und aber auch Gesundheit.
Solidarität, Feminismus…
Wir hatten eine Frau aus Guatemala da, die Räume zur Heilung anbietet, zur Dekolonisierung des Körpers. Die Idee dahinter ist, dass der europäische Blickwinkel auf Psyche und Körper einfach ein ganz anderer ist als der in Süd- und Mittelamerika. Und dass die aber diesen Blickwinkel übernommen haben, zwangsweise, durch die Kolonisation und dass sie versuchen, durch verschiedene Workshops und verschiedene andere Mitteln nicht nur den Kopf, sondern auch den Körper von dieser Kolonialisierung zu befreien. Quasi als Mittel zur inneren mentalen Heilung. Es geht viel darum, sich körperlich zu spüren, aber auch die Verbindung zur Gruppe zu spüren. Die Verbindung zur weiblichen Seite und Seele aufzunehmen. Und ja, das aufzubrechen, dass man so abgeschnitten ist von seinen Emotionen. Der europäische Blickwinkel ist ja, dass Emotionen eigentlich auch gar nicht wirklich erlaubt bzw. etwas Schlechtes sind.
»In einem Projekt, ging es darum, sich gegenseitig aufzuklären und dafür zu kämpfen, überhaupt eine Gesundheitsversorgung zu haben.«Jana
Was funktioniert gut in der Initiative?
In den letzten Jahren hat sich Women in Exile viel um Gesundheitsfragen gekümmert und will das auch gerne weitermachen. Es ist ein bisschen schwierig mit der Finanzierung für diese Sache. In einem Projekt, ging es darum, sich gegenseitig aufzuklären und dafür zu kämpfen, überhaupt eine Gesundheitsversorgung zu haben.
Gerade im Asylsystem ist es natürlich schwierig. Wenn man angekommen ist, dann hat man erst mal nur Anspruch auf eine minimale Versorgung, wenn es ganz, ganz akut ist. Dort sind aber viele Frauen, die super viel Traumatischestraumatisches erlebt haben in ihren Heimatländern, auf ihren Fluchtrouten und auch von den Geflüchtetenunterkünften und die können zum Beispiel überhaupt nicht adäquat adressiert werden.
Es gibt keinen Zugang zu psychosomatischer Behandlung. Das ist ein Thema, das bei uns jetzt an erster Stelle steht: Wie können wir eigentlich ohne diesen Zugang trotzdem versuchen, uns von Traumata in irgendeiner Art und Weise zu befreien, uns gegenseitig helfen und empowern? Ein anderes wichtiges Thema im Gesundheitsbereich sind behinderte Geflüchtete, die haben es natürlich besonders schwer in diesem System.
Was gut funktioniert: Wir gehen in Lager und reden dort mit Frauen. Wenn wir ins Lager gehen, ist das nicht einfach. Du musst das organisieren. Die Organisation ist erstmal wichtig, die Kommunikation. Du kannst nicht einfach so in ein Lager gehen. Du musst erst mal einen Kontakt dort haben und mit diesem Kontakt kannst du Besuche vereinbaren. Du musst das organisieren und dann kannst dort hingehen, mit diesem Kontakt reden und diese Frau besuchen und mit Frauen über ihre Probleme reden und dann kommen viele Frauen mit Problemen und gesundheitlichen Problemen. Viele haben Probleme mit der Gesundheit und die Frauen bekommen keine gute Behandlung wegen Diskriminierung. Ich habe im Lager gelebt und ich habe viel gesehen. Meine Erfahrung, die ich gemacht habe, wollte ich mit anderen Frauen teilen. Diese Organisation läuft sehr gut.
Die Frauen, die hier sind, waren selber alle irgendwie im Asylsystem, in den Lagern. Es gibt Ausnahmen, es gibt andere Frauen, die auch außerhalb des Systems hier sind und aktivistisch sind. Aber die meisten haben ihre unangenehmen Erfahrungen gemacht und haben dann aber auch über Women in Exile ein Netzwerk kennengelernt, wie sie mit Dingen umgehen können. Sie haben Freunde gefunden, haben Hilfe gefunden und ich denke, das ist auf jeden Fall das große Plus. Das ist das Besondere bei Women in Exile, dass sich Personen mit den gleichen Erfahrungen, auch mit gleichen kulturellen Backgrounds begegnen, die eher wissen, wie sich andere geflüchtete Frauen fühlen.
Es gibt auch noch die Friends, aber wir machen andere Treffen mit den Friends. Die feste Gruppe trifft sich zweimal im Monat dienstags nachmittags, das sind die aktivistischen Frauen. Mit den Friends organisieren wir Demos, oder die Konferenz, da brauchen wir die Unterstützung von den Friends.
»Wenn wir zum Arzt gehen, bekommen wir immer die gleiche Behandlung: zum Beispiel Paracetamol. Egal was du hast, du bist krank mit Bauchschmerzen, es ist immer Paracetamol.«Mado
Was fehlt der Community der geflüchteten Frauen an medizinischer Versorgung?
Geflüchtete Frauen haben erstmal diesen Krankenschein, andere haben die elektronische Karte, es ist immer verschieden. Und mit diesem Krankenschein gibt es ein Limit von Behandlungen. Wenn ich Geflüchtete bin, habe ich nicht die gleiche Versicherung und unsere Behandlung ist immer limitiert. Zum Beispiel, wenn wir zum Arzt gehen, bekommen wir immer die gleiche Behandlung: zum Beispiel Paracetamol. Egal was du hast, du bist krank mit Bauchschmerzen, es ist immer Paracetamol. Das ist das Problem.
Darum brauchen wir immer diese Beratung und darum arbeiten wir auch manchmal mit dem MediBüro zusammen, weil beim MediBüro gibt es Ärzt:innen, die sind keine Rassist:innen und diskriminieren uns nicht. Zu diesen Ärzt:innen müssen wir gehen.
Eigentlich ist es ein ganz gutes Beispiel, auch ein sehr trauriges Beispiel, weil Du sagst, es gibt eigentlich nur eine minimale Versorgung, man bekommt das Minimum. Mehr gibt es nicht und als ihr gesprochen habt, habe ich auch gedacht, wir sprechen ja von der verletzlichstenverletztlichsten Gruppe, die in Deutschland ankommt, die traumatisiert ist, die sehr schwierige Erfahrungen gemacht hat, die eigentlich ganz viel Unterstützung bräuchte. Psychisch, körperlich, und die bekommt die aller schlechteste Versorgung.
Und dann dauert es auch noch sehr lange, bis man legalisiert ist und Zugang hat zur Gesundheitsversorgung. Und dann ist es noch ein langer Weg, um zu schauen, was hilft mir, wie geht es mir besser? Aber auch: Was habe ich alles erlebt und wie kann ich da weiterarbeiten? Eigentlich müsste man es ja umdrehen und sagen, die verletzlichste Gruppe braucht eigentlich die meiste Unterstützung. In Deutschland ist es genau andersherum.
Wenn ich nur Paracetamol verschreibe, dann schaue ich mir ja nicht die Person an, die vor mir steht und schaue: Was braucht die, in welcher Sprache kommunizieren wir miteinander? Wie kann ich mir Zeit nehmen, um jemanden zu unterstützen? Sondern ich versuche, jemanden schnell wieder loszuwerden.los zu werden.
»The most vulnerable group actually would need most support... but in Germany it‘s the other way round.«Inga, Die neue Gesundheitsbewegung
Es gibt auch Probleme mit der Sprache. Manchmal gehst Du zur Ärzt:in, du sprichst Englisch, die Ärzt:in spricht kein Englisch und du brauchst eine Übersetzung und manchmal ist es nicht einfach jemanden zu finden und du bist krank. Aber wenn du alleine zur Ärzt:in gehst, bekommst du nicht die richtige Behandlung. Sie verstehen dich nicht und du verstehst die Ärzt:in nicht. Manchmal brauchen wir Begleitung, eine deutsche Person oder eine andere Person, und dann musst du mit ihr zum Arzt gehen.
Und auch eine Übersetzung ist natürlich nicht das Direkte, was der Arzt sagt. Also man kann auch nicht alles zu 100 % richtig übersetzen. Und dann weiß man manchmal gar nicht, was man machen soll.
Was fehlt für diese Community in der gesundheitlichen Versorgung und welche Räume werden benötigt?
Eine Liste. Ich denke zum Beispiel brauchen wir eine Liste für Ärzt:innen. Wir haben eine Liste für Anwälte, die gute Arbeit machen, wo wir wissen, dass diese Arbeit gut ist.
Ich denke, wir brauchen auch vielleicht eine Liste Arzt mit Ärzt:innen denen wir vertrauen.
Zum Beispiel mit Information, wo man berichten kann, welche Ärzt:innen gut sind kann man das nur aus der eigenen Position tun. Weil ich nicht weiß, ob meine Ärztin, der ich vertraue, rassistisch ist oder nicht.
In Berlin ist es wahrscheinlich sogar machbar. Ich stelle mir vor, wenn man jetzt in einem Lager in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern ist, wo die ärztliche Versorgung ja eh schon schwierig ist…
Was WiE mit dem Projekt versucht zu erreichen, ist so ein bisschen auch ein Grundlagenwissen an medizinischen Geschichten.
Natürlich wäre es schön, wenn wir das Gesundheitssystem und die Art, wie Ärzt:innen kommunizieren, von jetzt auf gleich ändern könnten. Realistisch ist das nicht. Deswegen haben wir mit WiE versucht die Gruppe, ein bisschen Grundlagenwissen innerhalb der Community zu schaffen bei den Frauen, dass sie auch mitreden können.
Erfahrungen austauschen ist auch wichtig.
Ja und auch eine Bündelung von Organisation und von Räumen. Sodass das neuen Frauen auch zugänglich ist, dass sie überhaupt wissen, was es gibt. Ich kann mich an andere Leute wenden. Und in diesen Räumen müssen die Personen auch überdenken, wie zugänglich sie eigentlich sind, wie offen ihre Strukturen für geflüchtete Frauen sind. Wie können sie vielleicht auf solche vulnerablen Gruppen auch zugehen?
Eine Liste. Mehr Zeit. Mehr Vertrauen. Und mehr Übersetzung.
Was müssen Leute wissen, die jetzt im Gesundheitssystem arbeiten?
Diese Leute müssen wissen, dass geflüchtete Leute keine gute Behandlung bekommen. Wir haben gesagt: Gesundheit für alle, ohne Diskriminierung.
Wir brauchen nicht nur Deutsche, auch Ausländer:innen, aber sie machen immer Altenpflege, sie gehen nicht zur Universität, sie haben keine Möglichkeit, sie haben keine Chance, das zu machen.
Es kommen auch viele Leute mit medizinischen Berufen, die in Deutschland nicht anerkannt werden. Und die werden dann immer in der Altenpflege oder Krankenpflege arbeiten.
Ja, ich habe auch die Erfahrung gemacht. In Berlin gibt es eine richtig tolle vietnamesische Ärztin und die ist jetzt so überlastet, weil alle zu ihr kommen. Sie hat jetzt erst mal für eine Weile eine Pause gemacht, weil es einfach zu viel war. Das Angebot ist zu klein und die Nachfrage so groß. Natürlich wollen die Personen eine Ärztin, die sie versteht, die die Sprache versteht. Gerade wenn es um die Psyche geht, ist das halt schwierig selbst einfach nur auszusprechen, was ist genau los.
Ja, es gibt zu wenige. Weil die Leute möchten, wenn sie zur Ärzt:in gehen, dass die Ärzt:in sie verstehen kann. Zum Beispiel spreche ich Französisch und ich habe gehört, dass es eine Ärzt:in in Neukölln gibt, der spricht Französisch. Ich muss dahin gehen, weil sie mich gut verstehen werden. Und die Personen, die Englisch sprechen, sollten zu einem Arzt gehen, der Englisch spricht. Man möchte zu einer Ärzt:in die einen versteht.
Ich glaube, das eine ist die Sprache und das andere…
ist auch die Kultur.
Welche Änderungen wären auf gesetzlicher Ebene nötig?
Wir haben viel gekämpft und jetzt haben wir jetzt die elektronische Krankenkassenkarte. Aber diese elektronische Karte ist nicht die gleiche wie die für Deutsche, es steht kein Name drauf, es ist nur XXXX und ich denke, dass, wenn du ins Krankenhaus gehst, Leute wissen, dass deine Behandlung limitiert sein sollte.
Die Karte sieht aus wie die Gesundheitskarte, aber überall wo sonst Daten wie Name, Adresse und so was stehen, steht XXXX.
Es ist einfach eine anonyme Karte, ja. So als würde man die weitergeben können.
Die Situation ist so: Man kommt an, ist im Asylverfahren und man darf nur bestimmte Behandlungen machen, aber die Behandlung ist sehr limitiert. Du kannst viele Sachen nicht machen. Wenn du Rückenschmerzen hast, kannst du keine Massage bekommen.
Denn es gibt ein Gesetz für Geflüchtete, wo man sehr limitiert wird.
Also sagen wir, du hast psychische Probleme und du kannst keine Therapie machen.
Nein, kannst du nicht.
… solange nicht dein Asylverfahren abgeschlossen ist und du Teil des deutschen Gesundheitssystems bist. Und dann hast du das Anrecht auf: Ich brauche Massage. Ich brauche Einlagen für meine Schuhe, weil ich Gelenkprobleme habe. Ich brauche Therapie. Ja, aber davor bekommst du…
Akutversorgung.
Ja, aber diese Akutversorgung ist Paracetamol. Nicht mehr.
Früher gab es diese Krankenscheine und wenn du am Wochenende krank warst, bekamst du den Krankenschein nicht, weil die Heimleitung nicht da war.
Aber wenn du eine Wohnung bekommen hast … Jeder Landkreis hat eigene Regeln. Es gibt Landkreise, in denen du unbedingt ins Heim kommen musst für den Krankenschein, aber wenn du deine Wohnung bekommen hast, und du bist nicht mehr in Heim, bekommst du den Krankenschein per Post. Wenn Du länger krank bist, einmal im Monat per Post.
In anderen Landkreisen musst Du für den Krankenschein ins Heim gehen. Aber wenn Du am Wochenende krank bist, kannst Du nicht in ein Krankenhaus gehen, dann kannst du erst am Montag dort hingehen.
»Ich steh’ den ganzen Tag unter Stress und das macht mich krank. Das Asylsystem macht ja krank, und die Situation der gesundheitlichen Versorgung.«Jana
Welche konkreten Räume braucht es für die Community?
Ich hätte jetzt spontan gesagt, dass wir so eine ganzheitliche Begleitung von geflüchteten Frauen brauchen. Viele Frauen wissen gar nicht unbedingt, was eigentlich ihr Problem ist. Wenn jemand berichtet, dass Frauen im Lager Kopfschmerzen oder andere psychosomatische Probleme haben, ist ihnen oft gar nicht bewusst: Eigentlich bin ich stark traumatisiert und das sind die Auswirkungen und ich steh’ den ganzen Tag unter Stress und das macht mich krank. Das Asylsystem macht ja krank, und die Situation der gesundheitlichen Versorgung. Auch die Sicht auf Ärzt:innen ist in anderen Kulturen ja auch noch mal eine andere.
Und da vielleicht eine Begleitung zu haben oder eine Vermittlung zu haben, wie ist das eigentlich hier, oder welche Probleme gibt es hier, wenn du zum Arzt gehst, was kann passieren? Warum solltest du der/dem Ärzt:in nicht immer hundertprozentig vertrauen? Das könnte auf jeden Fall schon helfen. Ob das teuer ist? Ich weiss es nicht. Eine stärkere eins zu eins Betreuung könnte auf jeden Fall schon ein erster Schritt sein und helfen. Und dann so ein ganzheitlicher Ansatz, nicht nur die Bekämpfung von Symptomen, sondern insgesamt draufgucken: Wie geht es dir? Wie geht es der Familie? Was sind die Probleme? Für viele geflüchtete Frauen wäre das super wichtig und ich weiß, dass manche natürlich auch gerade was Gesundheitsfragen angeht, sehr passiv sind oder dann Sachen verdrängen. Ach, das mach ich später, ich hab jetzt andere, drängendere Probleme. Aber wenn da Leute auf einen zukommen und es eine Erinnerung gibt, auch von Menschen mit Sprachkenntnissen und Erfahrung, das könnte schon eine wichtige Unterstützung sein.
Vielleicht wäre es in Berlin auch möglich, eine Art Zentrum für Gesundheitsversorgung für geflüchtete Personen aufzubauen. Mit Ärzt:innen, die sensibilisiert sind dafür, mit Personal, das sensibilisiert ist. Das ist sehr utopisch.
Es gibt ja auch ganz viele andere Gebiete, wo auch viele Geflüchtete sind, einfach weil es Lager in den entlegensten Orten Deutschlands gibt. Da sensibilisiertes Personal zu haben ist schwierig. Es ist unattraktiv für Leute, dort zu arbeiten und es ist unattraktiv für Geflüchtete, dort zu sein.
Was müssten andere gesellschaftliche Gruppen leisten?
Das klingt ein bisschen nach: Was wäre unsere ideale Gesellschaft? Klar, müsste anti-diskriminierende Arbeit eigentlich schon ganz früh anfangen. Jede Institution muss sich natürlich eigentlich mit diesen Fragen auseinandersetzen, auch in der Kita schon. In Berlin gibt es Kindergärten oder Initiativen, die sich damit auseinandersetzen, ob das dann in anderen Bundesländern auch der Fall ist, ich bezweifle das.
Klar steht im Grundgesetz drin, dass niemand diskriminiert werden darf. Aber es gibt trotzdem für niemanden die Verpflichtung, sich darüber Gedanken zu machen, wie rassistisch eigentlich unsere Systeme und unsere Einrichtungen sind.
WiE wird eingeladen über solche Sachen zu sprechen, aber aktiv von uns aus machen wir eigentlich nicht die Arbeit, anderen das zu erklären, sondern wir machen eigentlich wirklich empowernde Arbeiten bei den Frauen selber.
Also es ist nicht so, dass wir jetzt sagen, wir machen jetzt einen Workshop für den Ärzt:innenverbund und erzählen denen etwas. Das wäre vielleicht auch mal eine Möglichkeit. Ich weiß nicht, ob wir darauf Lust haben. Es gibt natürlich auch Trainerinnen, die das machen. Aber eigentlich muss das Interesse von der anderen Seite kommen, dass die wirklich sagen: Ich will was lernen. Denn wenn man dazu verpflichtet wird, gibt es dann auch wieder riesige Widerstände. Ich kann mir schon vorstellen, dass es ganz gut wäre, das Thema einfach überall mit auf die Agenda zu schreiben. Vielleicht braucht es eine:n Anti-Diskriminierungsbeauftragte:n im Gesundheitswesen.