Diskriminierungen und Rassismus müssen endlich aufhören Diskriminierungen und Rassismus müssen endlich aufhören

Statement von RomaniPhen e.V.

Berlin, 2023

Im Gespräch mit Svetlana Kostić und Isidora Randjelović in den Räumen des RomaniPhen Archivs unterhielten wir uns darüber, inwiefern es Sinn macht, Forderungen an das Gesundheitssystem aufzustellen, wenn wir sie nicht durchsetzen können. Isidora stellte fest, dass es wichtig ist, nur solche Forderungen aufzustellen, die wir weiterverfolgen. Natürlich lassen sich in einer beliebigen Situation im Gesundheitswesen viele diskriminierende Erfahrungen nachzeichnen, die Rom:nja und Sinti:zze im deutschen Gesundheitswesen erleben, so beide. Doch die Diskriminierung von Rom:nja und Sinti:zze sei keinesfalls auf das Gesundheitswesen begrenzt. Sinnvoller wäre es, sich der Frage nach den Forderungen an das Gesundheitssystem über den Begriff der reproduktiven Gerechtigkeit zu nähern. Unter reproduktiver Gerechtigkeit verstehen wir nicht nur das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, wie z.B. das Recht auf Abtreibung. Sondern auch das Recht, Kinder zu bekommen und die eigenen Kinder unter guten Bedingungen aufwachsen zu lassen. 

RomaniPhen organisierte eine Fokusgruppe zu diesem Thema und teilte die Ergebnisse mit uns. 

»Es gibt so viele Beispiele: „Wir könnten jede Woche ein Treffen machen und darüber sprechen."«
Einleitung

Am 20.01.2023 sind wir, Isidora Randjelović und Svetlana Kostić, mit sechs weiteren Romnja bei uns im RomaniPhen Archiv zusammengekommen. Im Rahmen einer Fokusgruppe haben wir uns über unsere Erfahrungen ausgetauscht, die wir im Bereich der Reproduktiven (Un-)Gerechtigkeit gemacht haben. Die Teilnehmer:innen waren im Alter zwischen 17-58 Jahren alt, beruflich als Familienhelferin, Schulsozialpädagogin, Wissenschaftlerin, Sozialarbeiterin, Reinigungskraft sowie im Bildungsbereich tätig und eine Person ist noch Schülerin. Alle Teilnehmer:innen haben eine Migrationsgeschichte.

Zunächst haben wir das Konzept der Reproduktiven Gerechtigkeit vorgestellt. Das kommt aus den USA und ist maßgeblich von Schwarzen Frauen* und Frauen* of Color entwickelt worden. Schwarze Frauen* und Frauen of Colour*  sahen ihre Bedürfnisse in den weißen Mainstream Frauenbewegungen in den 70er Jahren nicht vertreten. Korrekt wäre es hier von Personen, die schwanger werden und Kinder gebären können zu sprechen, da auch Menschen, die sich als männlich oder intergeschlechtlich begreifen, über die Fähigkeit Kinder zu gebären verfügen. Im rechtlichen Kontext hat sich dieser Sprachgebrauch noch nicht durchgesetzt. Sofern von Frauen die Rede ist, ist der Ausdruck im eben genannten Sinne zu verstehen.  Die Erfahrungen weißer Frauen* unterschieden sich enorm von den Erfahrungen, die BIPoC*s machten, wenn es um Reproduktive Rechte ging. Denn in den Debatten des Weißen Mainstreams standen lediglich Abtreibungsrechte und Verhütungsmittel im Vordergrund. Während BIPoC Frauen* sich andere Herausforderungen stellen mussten, wenn es um ihre Reproduktiven Rechte ging bzw. sich bis heute noch stellen müssen. Herausforderungen, wie Rassismus, rassistische Stereotype von Mutterschaft, Klassismus, Sexismus, Armut oder Homophobie.  Loretta J. Ross gehört zu den bekanntesten Namen, wenn es um das Thema Reproductive Justice geht. Der Begriff Reproductive Justice vereint Reproduktive Gerechtigkeit und Soziale Gerechtigkeit und ist ein Menschenrecht-basiertes  Konzept, das Theorie und Praxis aus Intersektionaler Perspektive vereint und auf vier Grundsätze basiert. 

 

1)    Das Recht ein Kind unter selbst gewählten Bedingungen zu bekommen

2)    Das Recht kein Kind zu bekommen, mit Hilfe von Empfängnisverhütung, Abtreibung oder sexueller Abstinenz.

3)    Das Recht Kinder in einer sicheren und gesunden Umgebung frei von individueller oder staatlicher Gewalt großzuziehen.

4) Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung

Erfahrungsberichte

Nach der Vorstellung des Konzeptes der reproduktiven Gerechtigkeit haben wir in einer Diskussion ausgelotet, wie und an welchen Erfahrungen es hier in Berlin und aus unserem Leben anschließen kann.

Das Gespräch drehte sich sogleich um die ersten Erfahrungen von Mutterschaft:

»Ich habe immer gespürt, irgendwie bin ich nicht willkommen hier von den Ärzt:innen. Bei meiner Geburt wollte ich gerne mein Kind in der Geburtswanne entbinden, allerdings hat sich die Hebamme geweigert, denn sie müsse ja sonst die Wanne wieder sauber machen.«
»Während der Geburt habe ich Gewalt seitens des Arztes erfahren. Ich habe im Bereich der Geburten meiner Kinder stets Diskriminierung erfahren. Auch mit meinen Kindern habe ich oft Diskriminierungen in verschiedenen Bereichen erfahren. Sei es in der Schule oder Kita, beim Einkaufen etc.«

In dem Bereich Mutterschaft wurden viele und verschiedene Situationen und Erfahrungen beschrieben wie: keinen Platz für die Kinder haben, kleine Wohnungen, zum Teil mit sieben Personen in einer Einzimmerwohnung zu leben, keine Privatsphäre für die Kinder zu haben, keinen Platz zum Hausaufgaben machen. Hier flossen neben den eigenen Erfahrungen auch die beruflichen Erfahrungen der Pädagog:innen mit ein. Sie beschrieben wie sich ihre Klient:innen machtlos fühlen: Zum einen, weil sie weder Unterstützung erfahren noch sich selbst in den Systemen auskennen. Aber vielen Frauen ist bewusst, dass sie Rom:nja sind und aufgrund dessen keine Wohnung bekommen. Hinzu kommen die geringen Einkommen und fehlende Ressourcen (Erwerbsarbeit, Garantien, Schufa Auskunft) für eine bezahlbare Wohnung. Es gibt viele Barrieren.

Für die Mütter selbst ist es kein Problem viele Kinder zu haben, sie lieben ihre Kinder, allerdings erleben sie von Schulen, von Sozialarbeiter:innen Kritik und „Aufklärung“ sie sollen nicht so viele Kinder bekommen. Teilweise wird es vermeintlich aus Spaß gesagt.

Eine Diskutantin berichtete:

»Leider ist die Diskriminierung so groß, dass es für viele Rom:nja mit denen ich arbeite eine Normalität ist, weil es jeden Tag passiert. Ich arbeite in Berlin als Sozialarbeiterin seit vier Jahren und die letzten 10 Minuten kann ich mich nicht entscheiden über welches Fallbeispiel ich sprechen soll. Als Sozialarbeiterin und Familienhelferin bekomme ich jeden Tag Diskriminierungen der Familien mit. Ob in der Schule, in der Kita, im Jugendamt oder Bezirksamt. Besonders betroffen von Diskriminierung sind alleinerziehende Rom:nja«
In der Charité

Eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern mit Behinderung geht ins KH Charité, um einen Entbindungstermin zu vereinbaren. Daraufhin die Rezeption: „Sie haben doch bereits Kinder, sind sie wieder schwanger? Gut, dass sie so viele Kinder haben, Deutsch können sie aber nicht!”

In der Schule

Besonders überproportional sind viele Kinder der Rom:nja Community betroffen, einen I-Status, d.h. einen besonderen pädagogischen Förderbedarf zu bekommen, aufgrund der fehlenden Deutschkenntnisse beim Einschulungstest. Diese Sprachbarrieren werden auf die Intelligenz der Kinder zurückgeführt. Auch werden Eltern zu Unterschriften in Schulen gedrängt, ohne dass sie verstehen, um was es geht. So kann es sein, dass Eltern ohne ihr Wissen unterschreiben, dass ihre Kinder zurückgesetzt werden bzw. Materialien für untere Klassen bekommen, bzw. dass ihre Kinder einen I-Status bekommen.

Zentrum für sexuelle Gesundheit

Eine 22-jährige Frau, die noch keine Kinder hat und auch in naher Zukunft keine plant, besucht das Zentrum für sexuelle Gesundheit in Charlottenburg. Die junge Frau hat einen Termin, weil sie sich nach einem passenden Verhütungsmittel erkundigen möchte. Die Sozialarbeiterin vor Ort fragte die junge Frau, warum sie verhüten wolle. „Bestimmt hast du zu Hause schon 5-6 Kinder und deswegen?“ Die Frau wurde wieder zur Gynäkologin weitergeleitet, um weitere Tests zu machen, sie solle in fünf bis sechs Monaten zurückkommen und in dieser Zeit nicht schwanger werden. Sie war jedoch schon vorher bei der Gynäkologin und hatte eine Überweisung dabei.

Bei der Gynäkologin

Eine Frau erscheint zu ihrem Termin bei einer Gynäkologin. Sie ist die letzte im Wartezimmer. Als die Gynäkologin rauskommt und die Frau sieht, geht die Ärztin zur Rezeption und sagt der medizinischen Fachangestellten im lauten Ton, sodass die Frau das im Wartezimmer hören konnte: „Wir machen Schluss, keine Patient:innen heute mehr“. Die Patientin hatte einen Termin und ihre Versicherungskarte wurde bereits eingelesen. Irritiert hat die Patientin die Praxis verlassen.

Fazit

Das Konzept der Reproduktiven Gerechtigkeit umfasst weitaus mehr Bereiche als den Gesundheitsbereich. Nichtsdestotrotz wurden eindeutige Rassismuserfahrungen, Stereotypisierungen bis hin zu fehlenden Zugängen zum bzw. im Gesundheitsbereich thematisiert. Auch belastend für Schüler:innen und für deren Eltern sind die Diskriminierungserfahrungen in den Schulen und bei den Jugendämtern, aber vor allem die fehlerhaften Einstufungen eines vermeintlichen pädagogischen Förderbedarfs. Ein weiterer belastender Lebensfaktor ist die soziale und rechtliche Andersbehandlung geflüchteter Romnja, die Notunterkünfte, die Angst vor einer Deportation und die unzumutbaren Wohnverhältnisse.

»Diskriminierungen und Rassismus müssen endlich aufhören und unseren Menschen auch menschenwürdige Zugänge ermöglicht werden, damit wir in Sicherheit und mit Würde leben können mit all den Ressourcen, die ein Menschenleben braucht, um gesund in dieser Gesellschaft zu leben und zu altern!«

Es ist davon auszugehen, dass sich all diese Erfahrungen auf die Gesundheit auswirken, als traumatisches und physisches Erleben. Wenn wir nach nur einer Gesprächsrunde eine Forderung aussprechen, dann kann sie sich nicht nur auf den Gesundheitsbereich beziehen.

Diskriminierungen und Rassismus müssen endlich aufhören und unseren Menschen auch menschenwürdige Zugänge ermöglicht werden, damit wir in Sicherheit und mit Würde leben können mit all den Ressourcen, die ein Menschenleben braucht, um gesund in dieser Gesellschaft zu leben und zu altern! Denn Rassismus macht uns krank!

RomaniPhen