Warum habt ihr Casa Kuà gegründet und warum bist Du Teil der Initiative?
Sich mit den eigenen Privilegien, mit Rassismus, mit Vorurteilen und allem, was dazugehört, auseinanderzusetzen.
Sich mit den eigenen Privilegien, mit Rassismus, mit Vorurteilen und allem, was dazugehört, auseinanderzusetzen.
Interview mit Casa Kuà
Anstatt auf Veränderungen im Gesundheitswesen zu warten, hat Casa Kuà 2020 begonnen, einen Ort zu schaffen, den trans, inter und queere Personen of Colour, Schwarze und Indigene in Berlin benötigen. Casa Kuà macht deutlich, wie grundsätzlich anders Räume für Gesundheit und Gemeinschaft selbst organisiert werden können, die sich nicht von den Vorgaben des Gesundheitssystems beschränken lassen. Das Gespräch mit Tzoa von Casa Kuà führten Nam, Kim und Julia von der Neuen Gesundheitsbewegung.
Wir wollten einen festen Punkt haben, eine Konstante, wohin Leute kommen können und etwas aufbauen können.
Da ich auch Chinesische Medizin praktiziere, war für mich die Frage: “Für wen will ich das machen und in welchem Rahmen? Will ich jetzt nur reiche, bürgerliche Leute behandeln, die irgendwie 70,- € die Stunde zahlen können?” Und die Antwort war ganz klar: Nein.
Die Frage war, welche anderen Wege es gibt, um das zugänglicher zu machen – finanziell, aber auch auf anderen Ebenen. Und in Küchentischgesprächen haben wir uns dann entschieden, das einfach zu machen. Wir sind eben selbstorganisiert. Ein trans*, inter*, queeres Gesundheits- und Community Center.
Das eine war, einen festen Raum zu haben. Es gibt auf jeden Fall auch trans* und queere Räume in Berlin, die sind aber sehr weiß dominiert.
Andere Leute und ich hatten keinen Bock mehr, uns immer an den gleichen Themen, Konflikten und Strukturen abzuarbeiten. Genau deshalb wollen wir auch einen Raum nur für uns selbst aufbauen, wo wir im Fokus sind, also wir und unsere Bedürfnisse. Das war auch ein wichtiger Punkt.
»Das eine war, einen festen Raum zu haben. Es gibt auf jeden Fall auch trans* und queere Räume in Berlin, die sind aber sehr weiß dominiert.Andere Leute und ich hatten keinen Bock mehr, uns immer an den gleichen Themen, Konflikten und Strukturen abzuarbeiten. Genau deshalb wollen wir auch einen Raum nur für uns selbst aufbauen, wo wir im Fokus sind, also wir und unsere Bedürfnisse.«Tzoa
Was macht ihr in Casa Kuà gut?
Für mich ist wichtig, dass Leute sich auf verschiedenen Ebenen einbringen können, auch je nach Kapazität. Das kann auch manchmal fluktuieren – zwei Monate lang haben Leute Zeit und dann wieder nicht. Denn gerade jene Leute, die hier involviert sind, sind ja auch von Rassismus, Trans*phobie etc. betroffen – ich werde jetzt hier nicht alles aufzählen. Das heißt, schon allein das eigentliche Leben nimmt vieleviel unserer Kapazitäten in Anspruch. Deshalb ist es gut, dass jede Person sich so einbringt, wie es gerade möglich ist.
Was ich auch gut finde ist, dass wir uns seit Beginn ungefähr fünf Mal umstrukturiert haben. Uns war wichtig, nicht wie nach dem Lehrbuch zu handeln, das muss jetzt so und so und so sein. Sondern, dass Leute, die dazukommen, sich auch einbringen können. Und wenn wir sehen, dass etwas nicht funktioniert, dann schauen wir, wie wir es anders machen können.
»Ganz klar: Viele Leute, die von Rassismus betroffen sind und Trans* Leute, die von Rassismus betroffen sind, müssen sich Gewalt aussetzen, um Zugang zu gesundheitlicher Versorgung zu bekommen.«Tzoa
Was fehlt der Community, die zu Casa Kuà kommt oder Casa Kuà ist, an medizinischer Versorgung?
Es gibt einerseits jene Leute, die keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung haben, weil sie keine Papiere haben und keine Krankenversicherung. Da ist ganz klar die erste Forderung, dass die überhaupt Zugang haben.
Dann gibt es diejenigen, die eigentlich theoretisch Zugang hätten, doch in der Praxis ist es trotzdem anders. Ich hatte vor ein paar Wochen eine Person hier, die meinte, sie würde lieber leiden, als zu einem weissen cis Arzt oder Ärztin zu gehen und sich alles Moegliche anhören zu müssen. Ganz klar: Viele Leute, die von Rassismus betroffen sind und Trans* Leute, die von Rassismus betroffen sind, müssen sich Gewalt aussetzen, um Zugang zu gesundheitlicher Versorgung zu bekommen. Das führt dazu, dass viele Leute entweder erst gar nicht zu Ärzt:innen, Psycholog:innen, Psychiater:innen gehen, oder erst im Notfall, wenn es gar nicht anders geht. Das ist natürlich ein sehr großes Problem. Eine Forderung, die immer gilt – und die habe ich auch an alle anderen Menschen in der Gesellschaft – ist, sich mit den eigenen Privilegien, mit Rassismus, mit Vorurteilen und allem, was dazugehört, auseinanderzusetzen.
Es ist nun einmal so, dass Ärzt:innen in einer ganz anderen Machtposition sind. Sie können ja darüber entscheiden, was mit einer Person passiert. Ob sie nachbehandelt oder nach Hause geschickt wird. Es geht nicht darum, dass mir eine Person keine Brötchen verkaufen will. Es ist etwas anderes, wenn eine Person mich nicht ärztlich behandeln will.
Was müsste sich im Bereich Zugänge und Ausbildung zu Gesundheitsberufen ändern?
»Es ist ja kein Geheimnis, wer Zugang zum Studium hat und welche Faktoren wie Rassismus und Klassismus da mitspielen. Ich habe jetzt erfahren, wie viel es für Psycholog:innen kostet, die Approbation für einen psychotherapeutischen Sitz zu bekommen. Es ist unfassbar, wie viel das kostet. Damit wird noch einmal klarer, wieso in diesen Positionen so viele weiße cis Personen sind und der grösste Teil höchtswahrscheinlich aus bürgerlichen Verhältnissen kommt.«Tzoa
Es ist klar, dass das Gesundheitssystem nicht schlimmer ist als der Rest. Doch es hat auch auf Menschenauf Menschen auch einen größeren Einfluss. Die allgemeine Forderung ist, dass sich Strukturen verändern müssen. Die Forderungen werden spezifischer, wenn wir fragen: “Wer kann denn Arzt oder Ärztin werden? Wer hat überhaupt Zugang zu Ausbildung und Studium? Wer hat das Geld dafür und wer wird gefördert?” Damit Leute wirklich Zugang zu gesundheitlicher Versorgung haben, und nicht nur auf dem Papier, muss sich noch sehr viel ändern. Eine Krankenkassenkarte zu haben ist ein erster Schritt, doch der reicht leider nicht.
Es ist ja kein Geheimnis, wer Zugang zum Studium hat und welche Faktoren wie Rassismus und Klassismus da mitspielen. Ich habe jetzt erfahren, wie viel es für Psycholog:innen kostet, die Approbation für einen psychotherapeutischen Sitz zu bekommen. Es ist unfassbar, wie viel das kostet. Damit wird noch einmal klarer, wieso in diesen Positionen so viele weiße cis Personen sind und der grösste Teil höchtswahrscheinlich aus bürgerlichen Verhältnissen kommt. Die können nicht nachvollziehen, wie das Leben anderer Leute aussieht.
Ich kann mir vorstellen, dass es Sinn macht, bei den Zugängen zu sagen, so und soviel Prozent derjenigen, die zugelassen werden, haben diesen oder jenen Background. Wenn der Bereich nicht so ein eindimensionaler Block von Erfahrungen bleibt, wird das schon einen Unterschied machen. Ich wäre sehr froh, wenn ich den Leuten nicht erzählen muss, was Rassismus ist. Das letzte Mal musste ich eine Psychiaterin auf Wikipedia verweisen.
Welche Sensibilisierung müssten die Personen, die jetzt im Gesundheitswesen arbeiten, mitbringen?
Ich glaube, wenn zumindest ein paar sehr einfache Basics gelernt werden würden, wäre das hilfreich. Zum Beispiel: Wie spreche ich eine Person an? Welche Pronomen benutze ich? Zu fragen, welchen Namen Leute benutzen wollen. Gerade dann, wenn Leute im Wartezimmer über Lautsprecher aufgerufen werden. Und: Vielleicht nicht gleich zu fragen, wo Leute herkommen. Leider ist es, wenn das die erste Begegnung ist, die erste Frage, die erste Zuschreibung, für viele Leute einfach schon vorbei. Aber ich will jetzt nicht alle meine Geschichten erzählen.
Doch ich bin selbst auch schon aus einer Praxis gegangen, weil ich gefragt wurde: “Wo kommst du her?”. Ein Freund von mir wurde aus einer Praxis geschmissen, weil er nicht sagen wollte, wo er herkommt. Genau um solche Situationen geht es. Da denke ich mir: Das ist ja jetzt schon sehr basic. Aber nicht mal das ist gegeben, leider.
Vielleicht einfach: Wie bin ich nicht scheiße zu Leuten 1.0? Das wäre ein Anfang. Der erste Schritt und dann kann es ja noch viel weiter gehen.
Und es gibt immer Leute, denen kannst du alles erzählen und alle Zugänge zu allen Informationen geben. Die werden sich trotzdem nicht ändern. Doch es wäre ein erster Versuch. Was ist mit Critical Whiteness? Was ist Rassismus? Was ist Alltagsrassismus? Was ist Trans*feindlichkeit? Wie gehe ich respektvoll mit Menschen um? Einfach mit Respekt anfangen. Klar, alle machen mal Fehler. Wenn aber Leute darauf hingewiesen werden und weiter darauf beharren, dass das jetzt aber okay ist, diese Frage zu stellen, das ist dann problematisch.
Wir hatten auch angefangen, einen Workshop zu Transfeindlichkeit für Ärzt:innen und andere Leute, die im Gesundheitswesen arbeiten, zu organisieren. Doch es hing dann daran, dass wir einen Arzt oder Ärztin gebraucht hätten, derdie mitmacht. Und der Arzt, mit dem wir das machen wollten, hatte noch nicht die deutsche Zulassung. Aber vielleicht ja in Zukunft. Soweit ich weiß, gibt es ja solche Workshops, doch es ist immer die Frage, wer sich überhaupt anmeldet. Da muss es schon ein Grundinteresse geben, damit Leute überhaupt zu so einer Fortbildung gehen. So etwas als verpflichtender Teil des Studiums, als Teil der Grundkurse zu machen, wäre schon nicht schlecht.
An der Schule, an der ich war, gab es auch einen Workshop. Doch was bei den Leuten ankam, war natürlich begrenzt. Für die, die schon resistent und trans*feindlich sind, reichen Workshops dann nicht. Deswegen ist es auch eine gesellschaftliche Frage.
Doch wenn es zumindest mehr sensibilisierte Mediziner:innen gäbe, zu denen wir Betroffene schicken könnten, wäre das nicht schlecht. Deshalb ist wahrscheinlich die einzige Möglichkeit die bleibt, dass mehr Trans* Menschen selbst in Berufen der Gesundheitsversorgung arbeiten. Wenn das die einzige Möglichkeit wäre, wäre das ein bisschen traurig. Es wäre aber auch gut.
Wir haben begonnen, eine Liste von rassismussensiblen, transsensiblen Ärzt:innen und Therapeut:innen zu erstellen. Es gibt auch Listen von anderen Organisationen hier in Berlin. Aber wenn eine Person auf einer Liste steht, heißt das leider noch nichts. Denn es gibt so große Unterschiede in der Community. Wenn sich eine weiße trans männliche Person irgendwo wohl fühlt, heißt das nicht, dass eine trans weibliche Person sich wohl fühlt oder dass eine schwarze Trans*frau sich wohlfühlt. Bei Casa Kuá gibt es ja auch nicht nur eine Community, es kommen viele unterschiedliche Communities zusammen. Deshalb ist es schwer, eine Person von einer Liste zu empfehlen.
»Weil wir nicht darauf warten wollten, dass irgendwer irgendetwas für uns macht, haben wir ja auch Casa Kuà gestartet. Denn bis sich die Dinge ändern …Deshalb wollen wir diesen selbstorganisierten Ort haben, wo wir gucken können, wie wir Alternativen schaffen. Was heißt Gesundheit für uns, was machen wir damit und wie machen wir das? Ich finde Forderungen wichtig, doch ich will nicht darauf warten … So lange werde ich nicht leben.«Tzoa
Welche Änderungen wären auf gesetzlicher Ebene nötig?
Ich habe zu viele Jahre in meinem Leben damit verbracht, Gesetze ändern zu wollen. Ich bin da jetzt raus. Das können gerne andere machen. Die ganzen gesetzlichen Forderungen können gerne andere Leute machen. Mach ich nicht und finde es gut, wenn andere Leute es tun. Ich stecke da meine Energie nicht mehr rein.
Weil wir nicht darauf warten wollten, dass irgendwer irgendetwas für uns macht, haben wir ja auch Casa Kuà gestartet. Denn bis sich die Dinge ändern …
Deshalb wollen wir diesen selbstorganisierten Ort haben, wo wir gucken können, wie wir Alternativen schaffen. Was heißt Gesundheit für uns, was machen wir damit und wie machen wir das? Ich finde Forderungen wichtig, doch ich will nicht darauf warten … So lange werde ich nicht leben.
Manches tut sich ja auch auf gesetzlicher Ebene. Aber gerade auf legaler Ebene kann es auch immer wieder zurückgenommen werden. Das ist nie etwas, was einmal entschieden ist und dann steht es fest.
In einem Gespräch mit Leuten einer Gruppe aus Lateinamerika, zeigte sich, dass die, obwohl Abreibung gesetzlich legal war, ihre DIY-Strukturen (Do It Yourself: Mach es selbst; selbst gemachte Strukturen) aufrechterhalten haben. Gerade weil sie sich nicht darauf verlassen wollen, dass es für immer so bleiben wird. Es hatte sich an anderen Orten gezeigt, dass diejenigen, die sich darauf verlassen haben, dass Abtreibung von staatlicher Seite legal ist und daraufhin ihre selbstorganisierten Strukturen aufgelöst haben, jetzt die Konsequenzen spüren. Wir sehen das anhand der Geschichte der Abtreibungsgesetze in den USA, wo sich viele selbstorganisierte Strukturen, die es vorher gab, einfach aufgelöst haben und das ganze Wissen verloren gegangen ist. Jetzt sehen die Leute die Konsequenzen davon. Das ist also nichts, worauf ich mich ausruhen würde.
Was müssten andere gesellschaftliche Gruppen leisten?
Die erste Forderung ist: Alle weißen Menschen müssen sich mit Rassismus auseinandersetzen. Und zwar nicht nur alibimässig, wie das ja sehr oft passiert.
Ich glaube, dass auf jeder Ebene etwas zum Thema Rassismus getan werden kann, weil es so tiefgreifend ist und sehr früh anfängt. Wenn du schon als Kind schlechte Erfahrungen machst bei ärztlichen Behandlungen, dann wirst du natürlich auch nicht irgendwann Arzt oder Ärztin. Oder wenn in der Schule Rassismus und Trans*feindlichkeit herrscht: Wie weit kommen diese Kids im Schulsystem und haben die dann überhaupt Zugang zu den Berufen? Deshalb glaube ich, es gibt gesellschaftlich auf jeder Ebene diese Hürden und wir sehen ja das Endresultat. Doch wo das alles herkommt und wie das in der Gesellschaft verstrickt ist und wer was machen soll, da müsste ich jetzt ein Buch darüber schreiben.
Aber ganz allgemein gesagt: Es wäre gut, sich mit gesellschaftlichen Strukturen und Privilegien auseinanderzusetzen und zu schauen, wo ich wie profitiere und was ich mit meinen eigenen Privilegien tun kann, um Dinge zu ändern. Konkreter: Zu wissen, ich bin weiß und cis reicht ja nicht. Es ist schön, wenn das in einer Vorstellungsrunde alle mal sagen, aber die Frage ist doch: Was mache ich jetzt mit diesen Privilegien, wie kann ich anderen Zugang verschaffen? Wie kann ich meine Privilegien nutzen, um sie abzulegen und anderen mehr zu geben? Damit muss sich sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene auseinandergesetzt werden, weil das in jeder Struktur zu finden ist.
Welche Räume würde eure Community dringend brauchen?
Räume die die Community dringend bräuchte? Genau das, was wir hier machen, eigentlich ist es genau das.
Manchmal sehe ich uns auch ein bisschen als Brücke zum Gesundheitssystem: Wir haben ja auch eine ärztliche Beratung hier, unterstützen und beraten Leute in ihren Prozessen oder begleiten sie zu Terminen, um zu übersetzen oder einfach mit dabei zu sein.
Für mich ist auch wichtig, dass wir keine Kompromisse machen, egal wo das Geld herkommt. Zum Beispiel, dass wir dann bestimmte Sachen nicht mehr sagen oder Dinge anders machen, weil wir Geld kriegen oder Geld wollen. Wenn wir Geld für das bekommen, was wir bereits machen, finde ich das super. Aber ein wichtiger Punkt für mich ist hier, darauf zu achten, inwieweit das auch die internen Strukturen verändert.
»Räume die die Community dringend bräuchte? Genau das, was wir hier machen, eigentlich ist es genau das.«Tzoa